Ortheils Empfehlungen

Leseliste Winter 2022

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Martina Clavadetscher - Vor aller Augen


Was für eine fabelhafte Idee für eine virtuose Erzählerin! Die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher hat sich neunzehn Porträts von Frauen angeschaut, die von bekannten Künstlerinnen oder Künstlern gemalt wurden. In einem zweiten Schritt hat sie versucht, die Lebensgeschichten der Porträtierten zu erkunden. Wie hießen und wo lebten sie, wie kam es dazu, dass sie porträtiert wurden? Solche Fragen führten zu ausführlichen Recherchen, zur Lektüre von reichlich Textmaterial, das sich im Hinter- oder Untergrund der Bilder angesammelt hatte. Dieser genau recherchierte, faktische Stoff war die Grundlage für das eigentliche Erzählen: die Verwandlung des Faktischen ins Biografische, hier und da frei Erfundene! Martina Clavadetschers Erzählungen machen die Porträtierten lebendig, sie führen aus der oft nur anonym gebliebenen Abbildung zu jenen Lebensprozessen, die auf den Bildern in vielsagenden Momentaufnahmen fixiert wurden. Das Lesen der Bilder verwandelt sich in die Geschichten ihrer Entstehung – und die Porträtierten fangen „endlich“ (möchte man sagen) an zu sprechen und sich vom Dunkel der Geheimhaltung ihrer Herkunft und ihres Daseins zu befreien. Was für ein gescheites Buch!

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Irene Vallejo – Papyrus - Die Geschichte der Welt in Büchern


Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby.

Als dieses Buch erschien, war die spanische Autorin Irene Vallejo vierzig Jahre alt. Sie hatte bereits mehrere Bücher veröffentlicht und vorher in Saragossa und Florenz Klassische Philologie studiert. Begeistert, ja geradezu hingerissen von antiker Literatur schrieb sie für spanische Zeitungen Kolumnen, in denen sie ihr Wissen mit Erlebnissen des eigenen Alltags verband. Die Fähigkeit, Gelesenes so zu vermitteln, dass es wie ein Moment der Selbsterfahrung erscheint, hat danach zu diesem mit bedeutenden Preisen ausgezeichneten Buch geführt und viele Leserinnen und Leser geradezu sprachlos gemacht. Was habe ich eigentlich auf den vielen Seiten alles gelesen? Und wie hat es diese scheherezadeartige Erzählerin geschafft, mich Seite für Seite zu unterhalten und gleichzeitig über vieles zu informieren, was ich bis dahin nicht wusste? Die beiden Großkapitel widmen sich der Antike Griechenlands und Roms und springen zwischen kurzen Referaten, anekdotischem Erzählstoff und autobiografischen Geständnissen rasant hin und her. Den Startschuss macht die große Bibliothek des alten Alexandria – und von dort geht es furios und rasant durch die Weltgeschichte des Buches im Altertum, mit überraschenden Ausblicken auf das Schreibmaterial, Schreibtechniken, Buchhändler, Frauenstimmen aus dem Bücherall und natürlich: Gegenwart und Zukunft des Buches. Ein leidenschaftlich geschriebenes Buch, das kein „Sachbuch“ sein will – und gerade deshalb eine hoch interessante, packende Rarität!

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Kersten Knipp - Die Erfindung der Eleganz


Europa im 17. Jahrhundert und die Kunst des geselligen Lebens.

Im frühen 17. Jahrhundert entstehen in Paris die ersten Salons, die eine neue Gesprächs- und Lebenskultur begründen. Dafür entstehen eigene Räume und Umgangsformen, die den endgültigen Abschied von den Traditionen hierarchisch organisierter Gesellschaften einleiten. „Bildung“ ist nicht mehr eine Sache des Wissens und der Überlieferung, sondern akzentuiert sich mehrsprachig, momentan und als flexibles Mixtum von aktuellen Themen, die Frauen wie Männer in gleichem Maße im Blick auf das Gegenüber gestalten. Das Ideal dieses neuen, Europa bald prägenden Zeitgeistes ist Eleganz, die virtuose Beherrschung des eigenen, unverwechselbaren Ausdrucks und die Zurschaustellung dieser Eleganz durch die raffinierten Künste der Mode. Trainiert werden solche Formen der Galanterie an den absolutistischen Höfen, bevor sie in späteren Jahrhunderten auch Eingang in die bürgerlichen Welten finden. Kersten Knipp hat die Verzweigungen dieser bedeutenden Renaissance des alten Europa in fünfzehn Kapiteln beschrieben, die sich den zentralen Figuren des elementaren Wandels widmen. Ein Buch, das uns die Verkrampftheit der Gegenwart kontrastierend vor Augen führt und Ideale umkreist, die besonders Frankreich und Italien bis heute in ihren besten Statthaltern kultivieren. 

Hanns-Josef-Ortheil Autorenblog

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