Ortheils Empfehlungen

Leseliste Herbst 2022

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Hermann Bausinger - Vom Erzählen - Poesie des Alltags


Ein Leben lang hat sich der Kulturwissenschaftler und Volkskundler Hermann Bausinger mit Themen der Alltagskultur und der Erzählforschung beschäftigt. Sein letztes Buch umkreist noch einmal genau diese weiten Ländereien. Bausinger denkt zunächst nicht an das literarische Erzählen, sondern an ein Erzählen in kleinem Kreis oder kleiner Runde, das spontan und ohne große Vorbereitung in den verschiedensten Alltagssituationen entstehen kann. Beim Warten auf einen Bus, beim Fahren in der Bahn, beim gemeinsamen Spaziergang. Die alltäglichen Erzählformate untersucht Bausinger in drei Schritten: 1) Indem er bestimmte Lebenskonstellationen beschreibt, in denen Erzählungen gut entstehen und wachsen, 2) Indem er die Erzählformen untersucht, die im Laufe der Jahrhunderte zu festen Hilfsmitteln des Erzählens geworden sind, 3) Indem er sprachlich-stilistische Pointen des Alltags im Blick auf ihren Witz oder Humor erläutert und zeigt, wie sie das Erzählen bereichern. Das gut lesbare und an ergiebigen Beispielen reiche Buch ist eine Art Elementarlehre eines nicht angestrengten, sondern geselligen Erzählens, dem man viele Nachahmer wünscht.

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Alain Claude Sulzer - Doppelleben


Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer erzählt in diesem Roman vom Leben der Brüder Goncourt. Edmond (1822-1896) und Jules (1830-1870) hatten ein großes Vermögen geerbt und lebten zusammen in einem Haus, von dem aus sie das Pariser Künstler- und Literatenleben verfolgten und exponiert an ihm teilnahmen. Ihre Eindrücke hielten sie in einem gemeinsam geschriebenen, zunächst geheim gebliebenen Tagebuch fest, das erst vor wenigen Jahren komplett auf Deutsch in elf Bänden erschienen ist. Nicht nur an diesem einzigartigen Dokument, sondern auch an ihren Romanen, Essays und Sachbüchern schrieben sie zu zweit und waren das prominente Beispiel einer nicht nachlassenden Bruderliebe. Alain Claude Sulzer porträtiert ihr Doppelleben in wunderbar einfühlsam geschriebenen Szenen, die selbst etwas vom ästhetischen Impressionismus der Goncourts haben. So erlebt man die Pariser Welten en détail, von den Gerüchen über die Klänge und Laute bis hin zu den oft skurrilen Dialogen und Beobachtungen der Protagonisten. Szene für Szene wird man mehr in diesen Roman hineingezogen und kommt allmählich einem Rätsel auf die Spur, dessen psychologische Hintergründe bisher noch niemand so virtuos dargestellt und entfaltet hat.

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Francis Scott Fitzgerald - Der Moment der Schönheit - Aus den Notebooks


Übersetzt von Helmut Moysich. Mit einem einleitenden Essay von Hanns-Josef Ortheil. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz 2022

Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) war der bekannteste Romanautor Amerikas in den Goldenen Zwanziger Jahren. Viele Jahre hielt er in seinen „Notebooks“ alle besonderen Erlebnismomente fest, die er für erzählenswert hielt. Was auch immer ihm auffiel und begegnete, wurde in einer brillanten Notattechnik für die weitere Verwendung in Romanen skizziert. Atmosphären, Stimmungen, Personen, Dialoge des Jazz-Age erscheinen gefiltert in einer Wunderkammer des genauen Sehens und Empfindens. Um diese schönen Momente jederzeit an passenden Stellen einsetzen zu können, sammelte er sie gezielt in Listen, die nach Themen geordnet waren. In diesem Buch erscheint die einzigartige Werkstatt des Autors, der in unseren Tagen nach den Verfilmungen seiner Romane „Der große Gatsby“ und „Der letzte Tycoon“ wieder weltweit gefeiert wird, zum ersten Mal auf Deutsch. Sie ist nicht nur ein detailgesättigter „Roman“ in vielen funkelnden Segmenten, sondern auch eine nachahmenswerte Anleitung zum Schreiben.

Hanns-Josef-Ortheil Autorenblog

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