Ortheils Empfehlungen

Leseliste Frühjahr 2022

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Mary Ruefle - Mein Privatbesitz


Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag 2022

Mary Ruefle soll in den USA, wie ich erst jetzt weiß, eine sehr bekannte Lyrikerin und Essayistin sein. Bei uns gab es lange Zeit keine Texte von ihr in deutscher Übersetzung zu lesen, jetzt hat der Suhrkamp-Verlag einen vorsichtigen Anfang (mit einer Übersetzung von Esther Kinsky) gemacht. „Mein Privatbesitz“ ist eine Sammlung von über vierzig kurzen Prosa-Inseln, deren Titel ganz wörtlich zu verstehen ist. Denn es geht wirklich um Dinge oder Gefühlszustände in einer sehr privaten und intimen Form des Besitzens. Sie gehören zu der einen Person, die von ihnen erzählt, und man gerät, wenn man diese hoch suggestiven Texte liest, in ein unaufhörliches Träumen und Schlingern, als wollten sie einen in eine andere Welt hinüberlocken: Dorthin, wo einen die eigenen Schlüssel merkwürdig anstarren oder wo es viele Nuancen von Traurigkeit gibt, eine blaue, rote, grüne und naturgemäß solche, die man selbst frei hinzuerfinden kann. Man liest sich trunken an diesen Texten und verwandelt sich dabei in eine Figur, die Sätze verknüpft, als webte sie an einem Teppich, auf dem man endlich davonfliegt.

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Charles Pépin - Kleine Philosophie der Begegnung


Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet.

Charles Pépin ist Schriftsteller, unterrichtet Philosophie und lebt in Paris – so stellt der Verlag seinen Autor vor und sagt damit bereits viel. Denn natürlich ist Paris d i e Stadt der schönen Begegnungen, die im Falle von Paris keine flüchtigen sind, sondern solche, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Solche Pariser Begegnungen mit anderen Menschen, Geschichten oder Büchern nannte man früher einmal „existentialistisch“ und meinte damit, dass sie unter die Haut gingen. Charles Pépin spielt viele von ihnen durch: Wodurch entstehen sie genau – und wie kann man sie verstehen und lesen? Seine Beispiele erscheinen wie dichte Erzählungen – aus dem alltäglichen Leben, aber auch aus Filmen oder Romanen, und da Charles Pépin wie gesagt Philosophie unterrichtet, tut er das ganz nebenbei auch in diesem Buch. Keine Sorge, sein Unterricht ist durch und durch passioniert, man sitzt also eher mit ihm in einem Pariser Café und tauscht sich aus und gerät in ein gewisses Swinging des Denkens, „essayistisch“, wie es die Franzosen seit Jahrhunderten mögen.

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Pauline de Bok - Das Schweigen der Frösche oder Die Kunst, die Natur zu belauschen


Aus den Niederländischen von Gerd Busse.

Pauline de Bok ist eine niederländische Schriftstellerin, die in Amsterdam und auf dem Land, in Mecklenburg, lebt. Dort kümmert sie sich seit zwanzig Jahren um den Biotop eines früheren Kuhstalls samt seiner Umgebung. Ihre „Kunst, die Natur zu belauschen“ ist jedoch keine passive Versenkung in ländliche Details, sondern eine aktiv betriebene Teilnahme am Leben der Tiere. Alle, die sich melden und zeigen, betreut sie im Kreislauf der Jahreszeiten, ortet ihre Signale, beobachtet ihr Verhalten, feuert sie an und begleitet sie bei ihren Versuchen, die Umgebung zu nutzen und zu gestalten. Das wird mit viel Empathie und einer zurückhaltenden Klugheit so genau erzählt, dass man die Szenen genau vor sich zieht und eine detaillierte Vorstellung davon erhält, was es bedeutet, in einem kleinen Kosmos unter anderen, fremden Lebewesen ein ganz eigenes Leben zu führen.

Hanns-Josef-Ortheil Autorenblog

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