Lesetipps

Simone Lappert - Der Sprung


Was für ein Buch! Man blättert atemlos und kann das Buch nicht aus der Hand legen.

Wird die junge Frau, die auf dem Dach steht, springen? Wer könnte sie davon abhalten?
Sieben Menschen sind mit ihr verbunden - mehr oder weniger, schon immer oder gerade erst.
Simone Lappert wirft uns hinein in diese Leben. Sie schreibt mit einer Intensität, die einen Sog ausübt. Man ist dabei und erfährt doch viel zu wenig. Ein Buch, über das man noch lange nachdenkt.
Grandios! 

Alain Claude Sulzer - Unhaltbare Zustände


Ein eleganter Erzähler

Schon immer ist er der begnadete Dekorateur eines großen, eleganten Kaufhauses. Die ganze Stadt wartet darauf, dass die Hüllen von den Schaufenstern fallen und die Waren in seiner Dekoration noch schöner werden. Stettler fällt aus allen Wolken, als ihm ein junger Kollege zur Seite gestellt wird und das ist nicht die einzige Bedrohung in seiner Welt. Es ist das Jahr 1968 und auf einmal stellt die Jugend alles auf den Kopf.

Nur in seiner Verehrung für die Radiopianistin Lotte findet er etwas Ruhe und auch die Worte für seine Gefühle

Matthias Brandt - Blackbird


Als der 15jährige Morten Schumacher, genannt Motte, einen Anruf bekommt, ist in seinem Leben nichts mehr wie es einmal war. Sein bester Freund Bogi ist plötzlich sehr krank. Kurz danach fährt Jacqueline Schmiedebach vom Einstein-Gymnasium auf einem Hollandrad an ihm vorbei, und die nächste Erschütterung nimmt ihren Lauf.

Ein Roman voller komisch-tragischer Wendungen, in dem Matthias Brandt aufs Neue beweist, dass er nicht nur ein guter Schauspieler sondern auch ein hervorragender Erzähler ist.

And the winner is….

Der Deutsche Buchpreis 2019 geht an Sasa Stanisic und den Roman Herkunft


In diesem Jahr lag der Schwerpunkt der Jury auf der Frage „Wo kommen wir her und was macht das mit uns“ und Sasa Stanisic legt mit seinem Roman eine Antwort vor, die einen sofort gefangen nimmt. Aus dem bosnischen Bürgerkrieg verschlägt es Sasa mit seinen Eltern nach Heidelberg und welche Zukunft auf den Jungen warten, der sich mit seinen Freunden an der ARAL Tankstelle trifft, ist mehr als ungewiss. Den Blick zurück wirft die Großmutter, an deren Hand wir die Geschichte der Familie durchwandern. Und ganz am Ende hat der Leser die Wahl – großartig!

Helga Bürster - Luzies Erbe


Die fast hundertjährige Matriarchin Luzie Mazur hat sich Zeit gelassen mit dem Sterben. Doch nun ist sie tot und hinterlässt ihrer Familie kaum mehr als einen abgewetzten Koffer voller Erinnerungen auf dem Kleiderschrank und fast ein Jahrhundert "Mazur'sches Schweigen", das besonders ihrer Enkelin Johanne, selbst längst in ihren Fünfzigern, in den Ohren dröhnt. Es lässt ihr keine Ruhe, was damals war, als ihre junge Großmutter Luzie Krusenbusch sich in den "Fremdarbeiter" Jurek verliebt hat. Johanne will endlich mehr erfahren über Luzies große Liebe Jurek, die nicht sein durfte weil Krieg war.
 

Helga Bürster erzählt wunderbar leicht und dabei doch tief bewegend davon, wie ein Schicksal die Jahrzehnte überdauert, wie das Schweigen über die Vergangenheit eine Familie überschattet. Sie erzählt von vier Generationen starker Frauen - und davon, dass es für Versöhnung nie zu spät ist.

 

Anne Griffin - Ein Leben und eine Nacht


In einer irischen Kleinstadt sitzt Maurice Hannigan an einer Hotelbar und blickt zurück auf sein Leben. Er erhebt sein Glas auf all die Menschen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. Jedem einzelnen ist ein „Prosit“ und ein Kapitel gewidmet.  Das ist herzerwärmend und tieftraurig zugleich. Man kann so richtig eintauchen in diese zauberhafte Geschichte.

Thomas Meyer - Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin


Yuhu, die Geschichte von Motti Wolkenbruch geht weiter

Er hat mit allem abgeschlossen. Mordecai Wolkenbruch, genannt Motti, hatte sich mit einer Nichtjüdin eingelassen, woraufhin seine orthodoxe Familien ihn verstieß. Frustriert hockt er nun ohne Kippa und Bart in einem Hotel in Zürich. Da klopft ein Retter an- und Motti landet in einem Kibbuz in Israel, der sich als Geheimbund herausstellt mit dem Ziel der Weltherrschaft. Unterdessen strebt eine Nazigruppe, die in einer Berghöhle in Bayern haust, ebenfalls die globale Macht an.

Und Motti gerät in seiner Naivität mal wieder mitten zwischen die Fronten. Zum Schreien komisch.

Dror Mishani - Drei


Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat. Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Eine dritte Frau sucht etwas ganz Anderes. Sie alle finden denselben Mann auf einem Portal im Internet. Wer ist der geheimnisvolle Mann, der allen die Augen verdreht?

Ein packender und spannender Psychothriller mit einem sehr überraschenden Ende.

Brigitte Riebe - Die Schwestern vom Ku´damm – wunderbare Zeiten


Sie geht weiter die Geschichte des Kaufhauses am Kurfürstendamm

Brigitte Riebe erzählt die Lebensgeschichte dreier Schwestern und Ihres Erbes, dem Kaufhaus Thalheim. Während für Schwester Rike das Kaufhaus am Kuh´damm an erster Stelle steht, erleben wir hier die Geschichte aus der Sicht von Schwester Sylvie, die das Leben nach den dunklen Zeiten des Krieges in vollen Zügen genießen will. Sie möchte eigentlich lieber Karriere als Rundfunkredakteurin beim RIAS machen.

Doch als es wieder einmal Probleme mit dem Modehaus gibt, muss sie ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellen und ihren Schwestern zu Hilfe eilen.

Unbedingt lesen

Delia Owens - Der Gesang der Flusskrebse


Ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt, das verzaubert, aufregt und intensiv berührt. Es ist ein Loblied auf die Natur und die Landschaft, wir lesen einen Krimi, eine Liebesgeschichte und ein Buch über Einsamkeit und eine Kindheit.
Kya lebt in einer verwahrlosten Hütte, als Buschgesindel. Die Mutter verlässt die Familie, als sie 6 Jahre alt ist, dann gehen die Geschwister und auch der Vater kommt bald nicht mehr zurück. Sie wächst alleine auf, schlägt sich durch. Allein diese Geschichte eines Mädchens reicht für ein Buch. Als sie erwachsen ist, von den meisten im Dorf gemieden, wird Chase tot gefunden. Eigentlich kann nur sie die Täterin sein…

Atemberaubende Sprache, eindringliche Figuren. Sicher nicht nur unser Lieblingsbuch des Herbstes.

Martyna Bunda - Das Glück der kalten Jahre


Ob ihr Mann das Meer gesehen hat, bevor er 1932 auf der Großbaustelle der Hafenstadt Gdingen tödlich verunglückte, wird Rozela nie erfahren. Von der staatlichen Entschädigung baut sie für sich und die drei Töchter ein Steinhaus mit Doppelfenstern, im kaschubischen Dorf eine Sensation. Dort überstehen sie die Schrecken des Krieges. Als die sowjetische Armee gen Westen zieht, bietet das Haus keinen Schutz mehr. Im Keller versteckt, muss Gerta, die älteste, mit anhören, wie ihre Mutter von Soldaten vergewaltigt wird.

Aber die Maxime der Mutter lautete stets: Kopf oben behalten, egal was passiert. Dies beherzigen auch die Töchter und trotz gelegentlicher Ausbrüche, Zerwürfnisse, Trennungen sind Mutter und Töchter in entscheidenden Momenten füreinander da - vier starke Frauen, die in widrigen Zeiten wie Pech und Schwefel zusammenhalten.

Sehr einfühlsam erzählt.

Bernhard Aichner - Der Fund


Rita, eine einfache Supermarktverkäuferin, hatte immer viel Pech in ihrem Leben. Sie lebt in stupider Monotonie des Alltags bis sie eines Tages in einer Bananenkiste 12 kg Heroin findet. Sie denkt gar nicht daran, diesen Fund abzugeben, sondern rächt sich an den Menschen, die ihr im Leben Schwierigkeiten bereitet haben.

Eine geniale Idee und ein spannender Plot.

Hanns-Josef Ortheil - Der von den Löwen träumte


1948 reist Hemingway nach Venedig. Er ist in einer schweren Krise, und ihm ist seit Jahren kein Roman mehr gelungen. Doch dann lernt er einen jungen Fischer kennen und verliebt sich in eine achtzehnjährige Venezianerin. Diese beiden Personen und die gemeinsamen Unternehmungen mit ihnen geben Hemingway Inspiration und Ideen für einen neuen Roman.

Eine sehr bewegende und feinfühlige Erzählung von einem großartigen Schriftsteller über einen seiner berühmten Vorgänger. Hanns-Josef Ortheil gelingt es immer auf wunderbare Weise, sich in die Charaktere der Menschen hineinzuversetzen.

Liane Moriarty - Neun Fremde


Neun Fremde und zehn Tage, die alles verändern: In einem abgelegenen Wellness-Resort treffen fünf Frauen und vier Männer aufeinander, die sich noch nie zuvor begegnet sind. Sie alle sind in einer Krise und wollen ihr bisheriges Leben hinter sich lassen. Bald schon brechen alte Wunden auf und lang gehütete Geheimnisse kommen ans Licht.

Denn nichts ist so wie es scheint im Tranquillum House. Die Inhaberin ist vollkommen verrückt und hat Gruseliges vor.

Extrem spannend.

Davide Longo - Die jungen Bestien


Bei dem Bau einer Bahnschnellstrecke zwischen Mailand und Turin werden die Überreste von zwölf Leichen gefunden. Die Polizei möchte den Fall schnell abschließen und die Knochenfunde auf den zweiten Weltkrieg zurückführen. Doch Bramard, sein Kollege Arcadipane und die Mitarbeiterin Isa verfolgen eine andere Spur, die in die Zeit des italienischen Terrorismus führt, der Brigate Rosse.

1977 hatten ein paar Jugendliche den Parteisitz der rechten MSI in Brand gesetzt und dabei kam ein Mann ums Leben. Die Jugendlichen sind seitdem spurlos verschwunden. Eine spannende Ermittlung beginnt und die drei Kommissare geraten sehr schnell zwischen die Fronten von Politik und Polizei.

Eva Sichelschmidt – Bis wieder einer weint


Die Rautenbergs: die Geschichte einer westdeutschen Unternehmerfamilie und ihres Verfalls. Als Wilhelm und Inga sich kennenlernen, sitzt Adenauer noch im Kanzleramt. Inga, Arzttochter, ist eine Schönheit und Wilhelm, Unternehmersohn, der begehrteste Junggeselle weit und breit - ein Traumpaar. Doch kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes erkrankt Inga schwer und stirbt. Die jüngere Tochter wird zu den Großeltern gebracht, die ältere wächst beim Vater auf.

Doch der kommt mit der Situation nicht klar  und alles geht den Bach runter. Eine schöne und zugleich auch traurige Nachkriegsgeschichte. Sehr lesenswert.

Anti Tuomainen - Klein Sibirien


Eine Achterbahnfahrt der Gefühle

Das ist bereits das dritte Buch des finnischen Autors, die mir alle sehr gut gefallen. Ihm gelingt eine gute Mischung aus Krimi und Poesie. In diesem Fall geht es um den Rallyefahrer Tarvainen, der mit zu viel Promille im Blut und Selbstmordgedanken durch die Gegend rast bis ihm ein Meteorit aufs Auto fällt. Das verursacht großen Aufruhr im sonst so beschaulichen Örtchen Hurmevaara. Der Schatz wird vorübergehend in die Obhut von Pfarrer Joel gegeben, der aber noch ganz andere Probleme hat, weil seine Frau schwanger ist obwohl er doch aufgrund eines Unfalls keine Kinder zeugen kann.

Mit so viel Witz, Charme und Poesie geschrieben. Eine total verrückte und spannende Geschichte.

Oliver Buslau – Feuer im Elysium


Ein großartiger Krimi zu Beethovens 250. Geburtstag

Im Mai 1874 erzählt der Gutsverwalter Reiser dem jungen Musiker Franz, warum Beethoven taub geworden ist. Als junger Schlossverwalter kommt Sebastian Reiser 1824 nach Wien, wo gerade die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven aufgeführt werden soll. Zu diesem Zeitpunkt ist Beethoven bereits taub, doch in diesem spannenden Krimi entwickelt der Autor die Theorie, dass es die Folge eines Vergiftungsanschlags auf Beethoven ist.

Reiser darf als Musiker bei der Aufführung mitwirken doch alles steht im Schatten eines drohenden Brandanschlags durch revoltierende Verbindungen. Die Spannung wird langsam aufgebaut, sehr gut erzählt. Ein großartiges Lesevergnügen.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze


Als Alexander in seine neue Wohnung einzieht, wird er von seiner neuen Nachbarin Tatjana begrüßt und in Beschlag genommen. Tatjana ist über 90 und kämpft mit den ersten Anzeichen einer Demenz, Alexander kehrt nach einem Schicksalsschlag die Scherben zusammen und versucht einen Neuanfang.

Je mehr Tatjana den Bezug zur Gegenwart verliert, um so mehr beginnt sie die aufregende Geschichte ihres Lebens zu erzählen und wir erfahren ein unglaubliches Leben, das im Russland des 20. Jahrhunderts spielt. Geprägt von zwei Weltkriegen herrscht Stalin mit harter Hand und auch Tatjanas Leben gerät unter den Radar des Kremls.

Peter Zantingh – Nach Mattias


Eine neue Stimme aus den Niederlanden und der erste Roman hat es gleich in sich.

Mattias ist nicht mehr da und aus vielen Stimmen setzt sich nach und nach ein Bild zusammen, was diesen Menschen ausgemacht hat. Der Sohn, der Freund, der Lebensgefährte – ganz langsam erkennt der Leser wie bei einem Puzzle das Motiv seines Lebens. Fünf Stimmen kommen zu Wort und am Ende lernen wir einen Mann kennen, der sich voller Mut und immer wieder neuen Ideen dem Leben stellt.

Michael Kumpfmüller – Ach Virginia


Virginia Woolf verbringt gemeinsam mit ihrem Mann Leonard die letzten Tage in einem Landhaus in Südengland und der Autor bringt uns das Seelenleben der großen englischen Schriftstellerin nahe.

Dass sie am 28. März 1941 die Entscheidung trifft, sich in einem Fluss das Leben zu nehmen, wissen wir. Wie sich jedoch ihr seelischer Zustand in diesen letzten Wochen verändert und immer mehr auf die Katastrophe zusteuert, erfahren wir in diesem kleinen und feinen Roman.

Über das Haus fliegen die deutschen Bomber mit Ziel London und Virginia begegnet ihren eigenen Dämonen. Hin und her gerissen zwischen Schreiben und Verzweifeln lässt Kumpfmüller viel Platz für all die Fragen, auf die Virginia Woolf am Ende nur eine Antwort hatte.

John von Düffel – Der brennende See


Mit dem Wasser hat er es einfach, der 1966 geborene Autor aus Göttingen. Mit ‚Vom Wasser‘ begann 1998 seine Arbeit als Schriftsteller und auch in seinem neuen Roman spielt dieses Element eine große Rolle.

Hannah muss das Leben ihres Vaters zusammenräumen und steht in der Wohnung eines Mannes, den sie nie richtig kennengelernt hat. Eines der wenigen Dinge, die sie von ihrem Vater weiß ist, dass er jeden Tag zum Schwimmen an den See ging. Und als an diesem See ihr Fahrrad von einer Unbekannten geklaut wird, deren Foto ihr Vater im Nachttisch hatte, weiß sie, dass das noch nicht die ganze Geschichte ist.

Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo - Der freie Hund


Mal ein ganz anderes Projekt von Wolfgang Schorlau, von dem wir bisher hauptsächlich die Romane um Dengler in Stuttgart kennen. Dieser Krimi spielt in Venedig. Commissario Antonio Morello, genannt „Der freie Hund“, hat in Sizilien korrupte Politiker verhaftet und wird nun von der Mafia gejagt. Um ihn aus der Schusslinie zu nehmen, hat man ihn nach Venedig versetzt. Dort gefällt es ihm zunächst gar nicht, er findet Venedig zu voll, er mag die Kreuzfahrtschiffe nicht, die dort die Luft verpesten. Als ausgerechnet der Anführer einer Bürgerinitiative gegen Kreuzfahrtschiffe ermordet wird, hat der freie Hund seinen ersten Fall, der ihn tief in die Verstrickungen von italienischer Politik und Verbrechen führt.

Ein sehr spannender Krimi mit einem sympathischen Helden.

Monika Helfer – Die Bagage


Monika Helfer erzählt hier die Lebensgeschichte ihrer Familie. 1914 lebt die Familie Moosbrugger am Rand eines Bergdorfes fernab der restlichen Bewohner. Sie sind arm und gelten als Außenseiter, man nennt sie die Bagage. Als der Vater Joseph Moosbrugger in den Krieg eingezogen wird, buhlen die Männer um die Gunst der schönen Maria. Ein geheimnisvoller Fremder aus Deutschland taucht auf, der Bürgermeister bringt regelmäßig Lebensmittel vorbei, und auch der Postbote möchte mit Maria anbandeln. Als dann die Tochter Grete geboren wird, hört das Getratsche gar nicht mehr auf. Wer ist der Vater?

Eine beschauliche aber sehr berührende Erzählung.